Systhema - Heft 1 - 1998
Originalbeiträge
Haja Molter:
Es könnte auch alles ganz anders sein - Ein persönlicher Blick auf aktuelle Tendenzen
Zusammenfassung:
Der Beitrag beleuchtet mögliche Entwicklungstendenzen bei der Durchführung von Familienrekonstruktionen. Anschließend an die von V. Satir begründete Tradition werden Entwicklungslinien beschrieben, die sich aus dem Unterscheiden zwischen Ansätzen der Familientherapie und einer erkenntnistheoretisch an Konstruktivismus und sozialem Konstruktionismus orientierten systemischen Therapie ergeben. Weiter reflektiert der Autor seine Rolle als Leiter von Familienrekonstruktionsseminaren, die Bedeutung der Gruppe im Prozeß der Arbeit und setzt sich kritisch mit den an B. Hellingers Sichtweisen orientierten Familienkonstellationen und den daraus abgeleiteten Ordnungen auseinander.
Summary:
This contribution illustrates tendencies of possible developments which could arise in „Family Reconstruction“-Workshops. According to V.Satir's tradition, lines of development are described: these arise from the distinction between approaches to family therapy and theoretical cognitive systemic therapy oriented towards constructivism and social constructionism. In addition, the author reflects his role as leader of Family Reconstruction workshops, the meaning of the group in the process, and critically discusses the concept of „Family Constellations“ that is associated with the approach of Bert Hellinger.
Jutta Schulze:
Meine Entdeckungsreise in die Kindheit - Durch eigene Rekonstruktionserfahrungen familientherapeutisch kompetent werden
Zusammenfassung:
Der Artikel beschreibt eigene Erfahrungen mit Familienrekonstruktion und stellt ein Leittext- Lern- Paket vor, mit dessen Hilfe es dem Leser und Anwender ermöglicht wird, Übungen zur Rekonstruktion seiner Herkunftsfamilie durchzuführen. Die zentralen Theoriebausteine und Techniken der Familienrekonstruktion in der Tradition V. Satirs werden beschrieben und auf dem persönlichen Erfahrungsgrund reflektiert mit der Absicht, solche Prozesse auch bei anderen anzuregen oder mit Erfahrungen der schon zurückliegenden Familienrekonstruktion in Austausch zu bringen.
Ursula M. Tröscher-Hüfner:
Familienrekonstruktion und Stellen von Familienkonstellationen
Zwei Zugänge zu Geschichte, um die Gegenwart zu lösen
Zusammenfassung:
Die Autorin beschreibt in dem Aufsatz ihre Sicht der Weiterentwicklung der Familienrekonstruktion (nach V. Satir) mit dem Stellen von Familienkonstellationen (nach B.Hellinger) und ihre unterschiedlichen Zugänge zur Gegenwart und Geschichte von Familiensystemen. Weiter werden Unterschiede in der therapeutischen Haltung und in den Sichtweisen auf Familiensysteme herausgearbeitet sowie der Methoden, um die Dynamik, die wirkt, zu erfassen.
Summary:
The essay desribes how the method of family reconstruction (according to V. Satir) has been developed towards the setting up of family constellations (according to B. Hellinger). It shows their different access to the present state and the history of family systems. It also points out their differences concerning the therapist's attitude and the way family systems are looked at, as well as the different methods of grasping the dynamism that is at work.
Michael Grabbe:
Zum Umgang mit Tabus und Geheimnissen in der systemischen Therapie und Familienrekonstruktion
Zusammenfassung:
„Offen zu sein“ wird in unserer Gesellschaft allgemein und auch in der Therapeut-Klientbeziehung meist positiv bewertet. Der Aufdeckung von Geheimnissen und Tabus werden zumeist Heilungsqualitäten zugeschrieben. Geheimnisse sind jedoch auch für die Identitätsbildung von Individuen, Familien und auch anderen Systemen wichtig und somit schützenswert. Dem Autor geht es in diesem Beitrag um eine differenzierte Sicht- und Handlungsweise in der therapeutischen Arbeit: er möchte zum „Durchlüften von Geheimnissen“ anregen.
Summary:
„Openess“ is a high value in our society in general as well as in the client-therapist-relation. So, to uncover „dark“ secrets and taboos often means getting forward in the healing process. On the other hand secrets are important for individuals, for families, and for other systems too, in order to shape identity and protect boundaries. Thus in his contribution the author suggests a sensitive therapeutic approach in dealing with „secrets“.
Peter Heinl:
Sich selbstorganisierendes Denken in der Exploration früher, familiensystemischer Erfahrungen
Zusammenfassung:
Ziel der dargestellten Fallstudie ist die Beschreibung des Explorationsprozesses eines frühen familiären Erlebens. Die Exploration wurde dabei auf dem Wege intuitiver Wahrnehmung und mit Hilfe von Objekten durchgeführt, ohne daß dem Autor verbale Informationen bezüglich des zu untersuchenden familiären Systems zur Verfügung gestanden hätten. Die Phänomenologie sich im Rahmen der geschilderten Arbeit abspielender Denkprozesse wird analysiert und deren Relevanz für das sogenannte systemische Denken untersucht.
Summary:
This case study describes the exploration of an early family experience. The exploration is performed by making use of what might be called intuitive perception and by the use of objects without there having been any verbal information available to the author prior to the exploration of the family system concerned. An attempt is made to analyse the thinking processes playing a part in the course of this exploration and to examine their relevance for the notion of systemic thinking.
Susanne Hucklenbroich:
Macht Frau-Sein angst? Die Bedeutung von „Frauenbildern“ für Diagnose und Therapie von Angststörungen in der klinischen Praxis
Zusammenfassung:
Der Artikel befaßt sich mit dem Einfluß von Frauenbildern auf die Diagnose und Therapie von psychischen Störungen (hier speziell der Agoraphobie). Frauen sind in der klinischen Praxis als Betroffene im Vergleich zu Männern deutlich überrepräsentiert. Was das Frau-Sein ausmacht, wird in den einzelnen Theoriebereichen sehr unterschiedlich diskutiert. Darauf, daß solche Frauenbilder auch auf die Entstehung, Etikettierung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen Einfluß haben, wird in der psychologischen Literatur jedoch bisher nur wenig eingegangen. Welche Einflüsse hier zu beachten sind, soll anhand einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Geschlechtsrollenselbstbild bei Frauen mit Agoraphobie dargestellt werden. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen bei diesen Frauen eine verstärkte Anpassung an stereotype Rollenerwartungen, was wiederum zu verringerten Handlungs- und Entscheidungsspielräumen führt. Angst (Agoraphobie) verstanden als Flucht in eine „Scheinautonomie“, die von stereotypen Frauenbildern gekennzeichnet ist.
Marianne Willemsen, Conrad M. Siegers:
Verlustgewinne - Wachstumsprozesse in Beziehungen
Zusammenfassung:
Individuelle Wachstumsprozesse sind zeitgeschichtlich, biografisch und geschlechtsspezifisch determiniert. Frauen und Männer sind in ihrem Beziehungsleben durch eine gesellschaftlich verankerte, rollenspezifische Sozialisation geprägt, die die Dynamik vieler Konfliktsituationen entscheidend mitbestimmt. Männliche und weibliche Rollenmuster erweisen sich im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen als divergent. Heilungs- und Versöhnungsprozesse bedürfen deshalb einer rollenübergreifenden, versöhnten Lösungsorientierung. Geschlechtsspezifisch-systemische und paradoxe Interventionen in der Arbeit mit Frauen und Männern bieten die Möglichkeit, die jeweiligen rollenspezifischen Fähigkeiten als Ressource für einen therapeutischen Prozeß zu nutzen.
Summary:
Individual processes of growth are historically, biographically and sex-specifically determined. Women and men, in their relationships, are formed by a role-specific socialisation embedded in society which decisively influences the dynamism in situations of conflict. Male and female role expectations turn out to be divergent in the context of social frameworks. Processes of healing and reconciliation require a solution that is both role comprehensive and reconciled. Sex-specific systemic and paradoxical interventions in the work with women and men offer the opportunity to use the role-specific abilities of both sexes as resources for a therapeutic process.
Klaus A. Schneewind:
„Hellinger als tausend Sonnen oder die Faszination des Simplen“
Zusammenfassung: Der Autor setzt sich kritisch mit den Konzepten Bert Hellingers auseinander und hinterfragt die Gründe, warum eine große Zahl von Therapeuten und Therapeutinnen sich lieber mit einfachen Erklärungsmustern zufrieden geben, anstatt sich den Mühen differenzierter Zugänge zu Systemen zu stellen.
